Selbstwert & Körpergefühl: Was Haltung über Haltung verrät

Lesezeit: 5 min

Wie du dich hältst, so fühlst du dich — und umgekehrt.

Ich stehe vor dem Spiegel. Mein Blick schweift von meinen Augen zu meinen Schultern, zu meiner Wirbelsäule. Ich merke: Heute trage ich sie wieder — diese Schwere, die meine Haltung sinken lässt. Und während ich dort stehe, spüre ich den feinen Zusammenhang: So wie ich mich halte, so fühle ich mich. Und so, wie ich mich fühle, halte ich mich.

Unsere Haltung — körperlich wie innerlich — ist keine Kleinigkeit. Wir kennen diese stille Sprache unseres Körpers genau. Viele von uns stehen mitten in einer Phase der Neuorientierung: Kinder sind vielleicht groß, berufliche Rollen verändern sich, Partnerschaften stehen auf dem Prüfstand. Das Thema Selbstwert steht plötzlich mitten im Raum — oft ohne dass wir es bewusst einladen.

Die stille Botschaft unseres Körpers

Stell dir einen Moment vor: Du betrittst einen Raum, deine Schultern hängen leicht nach vorn, dein Blick ist gesenkt. Noch bevor du ein Wort sagst, lesen andere Menschen an deiner Haltung, wie du dich selbst gerade siehst.

Und nicht nur das: Auch du selbst bekommst ständig subtile Rückmeldungen von deinem Körper. Dein Rückgrat wird zur Metapher deines Selbstwertgefühls. Wenn du dich klein machst, fühlst du dich klein. Wenn du aufgerichtet bist, strahlst du.

Gerade Frauen und Männer  zwischen 40 und 60 nehmen diese Signale sehr fein wahr. Vielleicht hast du es selbst schon gespürt:

  • Nach einem schwierigen Gespräch ziehst du die Schultern unbewusst hoch.
  • Wenn du dich nicht sicher fühlst, wird dein Atem flacher.
  • An Tagen, an denen du dich selbstbewusst fühlst, gehst du mit einer Leichtigkeit, die dir andere anmerken.

Diese Wechselwirkung zwischen innerer Haltung und äußerer Körperhaltung ist keine Esoterik — es ist gelebte Psychologie und verkörperte Biografie.

Alltagsszenen, die wir alle kennen

Ich erinnere mich an eine Klientin, Mitte 50, die zu mir kam mit der Frage: „Warum fühle ich mich in letzter Zeit so klein, obwohl ich doch weiß, dass ich viel erreicht habe?“

In unseren Gesprächen stellte sich schnell heraus: Ihr Körper sprach eine eigene Sprache. Sie saß oft zusammengesunken, hielt die Arme vor den Körper, als müsse sie sich schützen. Diese Haltung war nicht bewusst gewählt, sondern Ausdruck eines Selbstwertgefühls, das gerade ins Wanken geraten war.

Oder ein Mann, Anfang 60, lange erfolgreich, jetzt im Übergang zum Ruhestand: „Ich erkenne mich selbst nicht wieder“, sagte er. Seine aufrechte Statur, die ihn Jahrzehnte ausgezeichnet hatte, war ihm abhandengekommen. Stattdessen bewegte er sich zögerlicher, sein Kopf senkte sich leicht vor — als wäre er unsichtbar geworden.

Solche Geschichten sind typisch für die Menschen, mit denen ich arbeite. Sie zeigen: Haltung ist nicht nur eine Sache des Rückens. Sie ist der Spiegel unseres Selbstwerts — und unserer Lebensgeschichte.

Warum Haltung so viel mehr bedeutet

Unsere Haltung ist geprägt von Erfahrungen, inneren Überzeugungen, Erinnerungen und manchmal auch Verletzungen. Wenn du dich selbst im Spiegel betrachtest und bemerkst, dass deine Haltung eingefallen wirkt, ist das kein Zeichen von Schwäche — sondern ein wertvoller Hinweis.

Gerade in der Lebensmitte erleben viele Frauen und Männer eine Phase der Neuorientierung. Das Bild, das sie bisher von sich hatten — erfolgreich, gebraucht, eingebunden — verändert sich. Und genau hier zeigt sich der enge Zusammenhang zwischen Selbstwert und Körpergefühl besonders deutlich:

  • Wer innerlich Halt sucht, verliert manchmal den äußeren Halt.
  • Wer gelernt hat, sich selbst klein zu machen, zieht die Schultern automatisch nach vorn.
  • Wer mit sich selbst hadert, atmet oft flacher — und signalisiert sich selbst so, dass etwas fehlt.

Aber: Diese Signale sind auch Einladungen. Sie zeigen dir, wo du dich selbst wieder aufrichten kannst. Sie fordern dich auf, genau hinzuschauen.

Die kleine Revolution im Alltag: Haltung verändern – Selbstwert stärken

Ich möchte dir eine kleine Alltagsszene mitgeben:

Stell dir vor, du beginnst den Tag bewusst aufgerichtet. Noch bevor du den ersten Kaffee trinkst, stellst du dich hin, spürst deine Füße am Boden, lässt deine Schultern sanft nach hinten sinken, öffnest den Brustkorb. Du atmest tief ein und richtest dich Wirbel für Wirbel auf.

In diesem Moment tust du weit mehr, als nur deinen Körper zu ordnen. Du sendest dir selbst ein kraftvolles Signal: „Ich bin da. Ich bin wichtig. Ich darf Raum einnehmen.“

Diese kleine Übung verändert nicht alles sofort — aber sie ist ein Anfang. Und genau solche kleinen Anfänge sind es, die für uns reflektierende Menschen in dieser Lebensphase so wertvoll sind.

Ich weiß, wie leicht wir dazu neigen, vieles wegzudrücken: Gedanken wie „Das ist doch nicht so wichtig“ oder „Dafür habe ich jetzt keine Zeit“ kommen fast automatisch. Doch dein Körper redet trotzdem mit dir. Er zeigt dir durch deine Haltung, wo du gerade emotional stehst. Vielleicht spürst du manchmal genau dieses Ziehen in den Schultern, wenn deine To-do-Liste länger ist als dein Atemzug. Oder du merkst, wie deine Brust sich eng anfühlt, wenn dir Respekt und Anerkennung fehlen — sei es von anderen oder von dir selbst.

Es ist diese stille Sprache des Körpers, die gerade in Übergangszeiten eine besondere Bedeutung bekommt. Wenn alte Rollen wackeln — Mutter, Vater, Führungskraft, Partnerin, Partner — dann wackelt oft auch das Bild, das wir von uns selbst haben. Genau hier liegt ein Schatz verborgen: Dein Körper kann dein Kompass sein. Er zeigt dir, wo du wieder zu dir selbst finden kannst.

Und dieser Weg beginnt ganz einfach — mit dem bewussten Innehalten, mit einem einzigen aufrechten Atemzug.

Persönliche Reflexionsfragen für dich

Damit du das Thema „Haltung“ wirklich in dein Leben holst, stelle dir einmal ehrlich folgende Fragen:

  • Wie nehme ich meine Körperhaltung wahr, wenn ich mich unsicher fühle?
  • Was verändert sich in meiner Körperhaltung, wenn ich stolz auf mich bin?
  • In welchen Situationen könnte ich bewusst mit meiner Haltung experimentieren, um meinem Selbstwert einen kleinen Impuls zu geben?

Solche Reflexionen sind keine Spielerei. Sie sind ein direkter Weg zu mehr Selbstverbundenheit.

Selbstwert und Körpergefühl als Weg zu dir selbst

Am Ende geht es nicht darum, „perfekt“ zu stehen oder zu gehen. Es geht darum, dass du deinen Körper als wertvollen Verbündeten siehst. Dein Körper zeigt dir genau, wo du stehst — im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Wenn du beginnst, diese Signale zu lesen und liebevoll mit ihnen umzugehen, passiert etwas Wunderbares: Du beginnst, deinen Selbstwert von innen heraus zu stärken. Du musst ihn nicht „erarbeiten“ oder „verdienen“ — er wächst mit jeder aufgerichteten Haltung, mit jedem tiefen Atemzug, mit jeder bewussten Bewegung.

Sei sensibel, sinnreich, souverän
Liebe Grüße, Jens

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